Weder Schwarz noch Weiß: Grau

Die Kunst des Anderssehens

Die Grauen Herren haben sich unbemerkt von den Bewohnern in der ganzen Stadt ausgebreitet. Sie stellen sich als Agenten der Zeitsparkasse vor, und rechnen den Menschen vor, wie viel Zeit sie sparen könnten, wenn sie angeblich nutzlose Tätigkeiten aus ihrem Leben streichen würden.

Die Menschen sparen jetzt Zeit, arbeiten schneller, hetzen durch den Tag und gönnen sich weder Pausen noch Vergnügen. Selbst in ihrer Freizeit kommen sie nicht zur Ruhe. Paradox ist, dass die Menschen zwar unentwegt Zeit sparen, aber trotzdem immer weniger davon haben, denn tatsächlich wird die Zeit von den Grauen Herren gestohlen.

Alle verdienen jetzt mehr Geld, doch das Leben ist arm und freudlos geworden, weil sich niemand mehr Zeit für den anderen nimmt. Besonders die Kinder leiden darunter und fühlen sich im Stich gelassen.

So schildert Michael Ende in seinem Buch „Momo“ die Grauen Herren. Die Grauen Herren leben auf Kosten anderer, sie vergällen anderen das Leben, weil sie ihnen ihre Zeit stehlen. Sie sind Mächte, die das Leben der Menschen bestimmen. Wenn die Menschen sich von diesen Mächten bestimmen lassen, bewirken sie im Alltag Hektik, Stress, Lieblosigkeit und Hetze, das sind die Zeitdiebe der Menschen.

Michael Ende verwendet die Farbsymbolik des Grau auch als Anspielung auf Banker (Zeitsparkassen). Der Graue Anzug ist zum Synonym für Bankmitarbeiter geworden. Durch die Grauen Herren wird das Leben Grau, farblos und eintönig. Wie geht Michael Endes Geschichte weiter?

Als Momo erkennt, dass ihre Freunde immer unglücklicher werden, versucht sie sie zur Umkehr zu bewegen. Manche von ihnen entdecken, was sie verloren haben, und nehmen sich wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Damit gerät Momo ins Visier der Grauen Herren, die sich in ihrer Arbeit behindert sehen. Die Grauen Herren versuchen zunächst Momo mit raffiniertem Spielzeug zu erpressen. Dafür soll sie ihre Freunde aufgeben. Momo geht jedoch nicht darauf ein.

Sie erzählt Beppo, Gigi und den Kindern von den Grauen Herren, die noch immer unerkannt in der Stadt ihr Unwesen treiben. Der Versuch eine große Versammlung einzuberufen und alle Bewohner der Stadt über die Grauen Herren zu informieren und ihnen so das Handwerk zu legen, scheitert, weil niemand der Erwachsenen erscheint.

Stattdessen erkennen die Grauen Herren die große Gefahr, die von Momo ausgeht und beschließen sie gefangen zu setzen. Eine große Verfolgungsjagd beginnt. Doch Momo kann entkommen.

Die Schildkröte Kassiopeia erscheint und führt das Mädchen auf geheimen Wegen aus der Stadt heraus bis an den Rand der Zeit. Dort beginnt das Reich des Meisters Hora. Dieser verwaltet die Zeit aller Menschen und teilt jedem die ihm bestimmte Lebenszeit zu. Die Menschen entscheiden dann, wie sie mit ihrer Zeit umgehen. Meister Hora klärt Momo darüber auf, dass die Grauen Herren keine menschlichen Wesen sind, sondern nur Mächte, von denen die Menschen sich beherrschen lassen.

Da die Grauen Herren Momo nicht finden, beschließen sie Momos Freunde noch weiter von ihr zu entfremden, damit sie bei ihrer späteren Rückkehr völlig isoliert dasteht.

Inzwischen legt Meister Hora einen Zauber über Momo und führt sie in eine Welt, in der es wundersame Stunden-Blumen gibt. Umgeben von geheimnisvoll schönen Klängen fühlt Momo fühlt sich dort eins mit dem Universum. Später erfährt sie von Meister Hora, dass sie in Wirklichkeit einen Blick in ihr eigenes Herz tun durfte.

Michael Ende spielt in dieser Geschichte mit unserem Verständnis der Farbe Grau. Grau entsteht durch Mischung von Schwarz und Weiß. Schwarz und Weiß sind absolute Gegensätze. Wobei nicht übersehen wird, dass sowohl die Farbe Schwarz als auch die Farbe Weiß sich in sehr unterschiedlichen Ausführungen darstellen können. „Schwarz ist nicht gleich Schwarz“, das gleiche gilt für Weiß.

Im übertragenen Sinn sprechen wir von Schwarz-Weiß Denken. Das zeigt verhärtete Denkpositionen auf, die nur das eine oder das andere sehen können, aber nicht Bereiche, die dazwischen liegen. Durch die Mischung entsteht auf jeden Fall Neues die Farbe Grau, die in unendlich vielen Tönen und Nuancen gemischt werden kann.

Grau kennt viele Namen: Aschgrau bedeutet fahles Grau, die weißliche und kalte Farbe der Holzasche. Feldgrau sind die graugrünen Töne der Uniformen der deutschen Armeen des frühen 20. Jahrhunderts bis 1945. Anthrazit ist das warme, dunkle Grau, das an die namensgleiche glänzende Kohle erinnert. Taubengrau geht ins Blaue, Mausgrau ist ein neutrales Mittelgrau, der Inbegriff des Grautons. Beton-, Silber- und Schiefergrau erinnern an die entsprechenden Materialien.

Einen zur Unauffälligkeit neigenden Menschen bezeichnen wir gerne als „Graue Maus“. „Graue Masse“ meint Einheitlichkeit, Ende von Individualitäten, „Grau in Grau“ beschreibt düsteres Regenwetter. Die Formulierung erweckt den Gedanken der Eintönigkeit, verrät aber gleichzeitig das Wissen um die Mehrfarbigkeit des Graus.

Und das Morgenrauen ist der Übergang von der dunklen Nacht zum lichten Tag. Der Übergang vom Leben zum Tod assoziiert Grau, dem Leben wird in unserem Kulturkreis die Farbe Weiß zugeordnet, und Schwarz dem Tod zugeschrieben. Grau symbolisiert Übergänge.

Grau in der Fotografie

Da Grau weder Schwarz noch Weiß ist, beschreibt diese Farbe Zwischentöne. In der Fotografie werden Grautöne als Halbtöne bezeichnet. In der Schwarz-Weiß-Fotografie sind die Grautöne die Farbträger eines Bildes. Sie erzeugen eindrückliche Wirkung. Das dargestellte Foto von Daniel Schönknecht zeigt dies auf.

Daniel Schoenknecht
(Daniel Schönknecht, Ausstellung in der Böbinger Kirche Juli 2009)

Das prämierte Bild lässt eine Tiefe entstehen, die den Betrachter mit in das Bild nimmt, eine ethnographische Zugangsweise wird möglich. Der anbrechende Morgen, das Morgengrauen mit seinem sich augenblicklich verändernden spezifischen Licht ist spürbar. In der rechten Bildecke geht das Grau dem Weiß entgegen. Zum Greifen nah ist das helle Licht des neuen Tages.

Der Baum hebt sich in dunkelgrauen Schattierungen vom Hintergrund ab – die perfekte Spiegelung wurde durch langes Warten auf den richtigen Augenblick erreicht, so berichtet der Fotograf. Das Wasser, das zu sehen ist, ist kein See, es ist eine überflutete Rheinaue. Die Spiegelung des Baumes auf dem Gewässer, lässt den Baum aus der Mitte des Bildes in zwei Richtungen wachsen. Dem Sog des Bildes kann man sich nicht entziehen, Kraft entströmt ihm und Ruhe breitet sich aus.

Daniel Schönknecht berichtet, dass für ihn die Fotografie ein Stilmittel sei, um Situationen, aber auch Gefühle zu inszenieren. Letztendlich ginge es nicht um den Zweck der reinen Dokumentation, sondern vielmehr um Interpretationen von Erlebtem. Diese Ausführungen führen ins Zentrum der weiteren Betrachtungen. Es geht um die Inszenierung von Gefühlen und die ständige Veränderung der Wahrnehmung durch den Betrachtenden.

Einsatz von Grautönen im Beratungsprozess

Wenn in einem begleiteten Prozess verhärtete Fronten aufeinandertreffen, Schwarz-Weiß-Denken die gemeinsame Arbeit beherrscht und dadurch behindert, kann im Sinne der Dezentrierung durch Einleitung einer Bildbetrachtung eine neue Dimension eröffnet werden. (Dezentrierung wird hier im Sinne des von Eberhart und Knill entwickelten Verständnisses gebraucht, das im Folgenden formuliert wird.)

Eine Weg- beziehungsweise Abwendung von der Zentrierung auf Schwierigkeiten oder Probleme (Gedankenkarusell) wird eingeleitet und bewusst gestaltet. Durch die ständige Beschäftigung mit den gleichen Fragen bekommt der Mensch einen Tunnelblick. Er hat Scheuklappen auf und kann nicht sehen, was noch alles denkbar und möglich ist. Eine Wegwendung vom aktuellen Problem zu einem Kunstgegenstand, der scheinbar mit dem Sachthema keine Gemeinsamkeiten hat, ermöglicht neue Wahrnehmungen. Die Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand löst die Gedanken vom Problem weg, hin zu etwas Anderem, eine sinnliche Erfahrung wird möglich. Beim Austausch über ein Bild kann sich jeder einbringen und positive, anregende Gemeinschaftserfahrung machen.

Der Rahmen, das Setting des Dezentrierungsprozesses sieht wie folgt aus: Das Bild wird projiziert oder als DIN A3-Bild gezeigt. Die Aufgabe lautet: „Wie wirkt das Bild auf mich? Wovon lebt dieses Bild?“ Die Eindrücke werden im Plenum wiedergegeben. Jeder der Teilnehmenden äußert sich, die Aussagen werden nicht kommentiert.

Die bisherige argumentative Arbeitsweise wird verlassen. Ein ästhetischer Prozess erweitert den gemeinsamen Horizont. Alle sind Teil dieses Prozesses. Das Auf-sich-Wirken-Lassen und das Staunen bekommen Raum und ergreifen die Teilnehmenden, eine Beziehung zwischen Bild und Betrachtendem stellt sich ein. Hier ist nicht richtig oder falsch gefragt, alles darf gesagt werden, alles darf sein.
Das Team macht die Erfahrung, dass ein Bild, das von zwei gegensätzlichen Farben lebt, nämlich Schwarz und Weiß, seinen Charakter, seine Tiefe aus der Vermischung der beiden erhält. Es bleibt nicht bei den zwei Farben, die Verbindung der beiden Farben löst viele Grau-Nuancen aus, von denen das Bild letztendlich lebt.

Durch die Einführung des sogenannten Dritten das Schwarz-Weißfoto wurde ein neuer Blick möglich. Zwischen verhärtete Fronten schiebt sich „etwas“ dazwischen. Dem gilt die Aufmerksamkeit. Das Dritte erscheint in Form eines Fotos, lässt sich darauf aber nicht reduzieren: Das Dritte löst die gemeinsame ästhetische Erfahrung aus, ein „Aha“, ein Staunen wird möglich.

Das Unvermittelbare

Alle jene Ereignisse im Dazwischen der beratenden und therapeutischen Beziehung, welche nicht vorhersehbar, nicht einsetzbar oder machbar, nicht reproduzierbar sind und deshalb auch unvermittelbar bleiben, haben die Charakteristik von etwas überraschend Eintreffendem. Dieses Eintreffende im Zwei der Begegnung nun wird das „Dritte“. Das Dritte selbst ist kaum definierbar.

Im Nachhinein ist das Ereignis des Dritten beschreibbar und vergleichbar. Gewisse Randbedingungen, welche zum Ereignis führen können, sind ebenfalls bestimmbar, niemals jedoch die Logik des zwingenden Eintretens des Dritten.

Die Beschreibung von den Teilnehmenden und Wahrnehmung der Wirkung des Bildes auf den Einzelnen nimmt diese in konstruktive Prozesse hinein, die die eigene Person berühren. Der Mensch stellt sich selbst in seiner Perspektive des Bildes dar. „Künstlerisches und therapeutisches Arbeiten basiert nicht nur gleichermaßen auf Darstellungs- und Artikulationsleistungen, mehr noch geht es bei beiden auch um produktive Verschiebung habitualisierter und eingeschliffener Perspektiven, kurz um die Kunst des Anderssehens.“ (Eva Schürmann, Ars Vivendi – die Kunst des Anderssehens in „Das Dritte in Kunst und Therapie“, hg. Peter Sinapius/Annika Niemann, wissenschaftliche Grundlagen der Kunsttherapie, Band 4, 2011)

Im optimalen Fall kann die Erfahrung, dass das Bild durch Auflösung von Schwarz und Weiß in viele Grau-Facetten Ausstrahlung, Tiefenwirkung und Lebendigkeit bekommt, auf den Teamprozess übertragen werden. Das Aufgeben von Positionen (schwarz-weiß) bedeutet nicht, das eigene Profil aufzugeben und Unschärfe in der Position zu zeigen, sondern die Erweiterung der gesamten Betrachtung einer Problemlage. Aus zwei Farben wird eine dritte. Das heißt übertragen: Wenn jeder sich gedanklich bewegt, können neue, unerwartete Möglichkeiten, Strategien entstehen, um ein Problem zu lösen.

Verwendung der Schwarz-Weiß-Fotografie als wahrnehmungsveränderndes Element im Gottesdienst

Im evangelischen Gottesdienst steht das Wort, die Predigt im Mittelpunkt. Die Menschen, die in den Gottesdienst kommen, erwarten von einer Predigt etwas, das ihnen hilft, ihr Leben zu gestalten, das ihnen Kraft gibt und Anregungen zum Nachdenken. Die Predigt versteht sich als Sprachkunstwerk. Das bedeutet, dass sich Predigtarbeit, wie jede künstlerische Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen Machbarem und Unverfügbarem vollzieht.

Wenn im Gottesdienst ein Bild präsentiert wird, löst das Verwunderung und Erstaunen aus, weil etwas Unerwartetes geschieht. Es wird Aufmerksamkeit hervorgerufen. „In welcher Weise wird dieses Bild eine Rolle im Gottesdienstablauf spielen?“ Das ist eine Frage, die sich viele stellen. Die Konzentration ist erhöht.

Die durch die Präsentation der Fotografie erreichte Situation ermöglicht, die Besuchenden von eigenen Fragen und Gedanken, mit denen sie in den Gottesdienst gekommen sind, abzulenken und auf die Betrachtung des Bildes zu fokussieren. Gleichzeitig geschieht mithilfe der Predigt ein Dezentrierungsprozess, der neue Wahrnehmungsmöglichkeiten durch das andere Sehen eröffnet. Die Konfrontation mit Neuem erreicht eine Öffnung der gottesdienstlichen Situation.

In einem konkreten Gottesdienst wurde im Predigtteil das Bild von Daniel Schönknecht betrachtet und die Grautoninterpretation vorgetragen. Die Betrachtung des Bildes und die Wahrnehmung der Bedeutung von Grautönen im Foto ermöglichen ein „neues Hinhören“ auf einen für viele bekannten Predigttext vom Pharisäer und Zöllner.

Der Pharisäer lebt ein rechtschaffenes und frommes Leben, seine Schwäche, seine Sünde wie die Bibel es formuliert ist, dass er sich mit seinem guten Leben brüstet und den anderen für einen schlechteren Menschen als sich selbst hält. Plakativ sieht er auf sein Leben und das des anderen: Seines ist fromm und gerecht, das des anderen ist schlecht.

Durch den Verweis auf die Grautöne und die Wahrnehmung dieser anhand des Fotos wird erläutert, dass auch im Bemühen um ein gutes Leben nicht alles gelingt. Indem der andere schlechter als man selbst darstellt wird, wird das eigene rechtschaffene Leben zu einem zu rechtfertigendem Leben, das die Schwäche anderer nötig hat, um das eigene Selbst ins rechte Licht zu rücken. Jedes Leben hat gute und schlechte Seiten und viele Möglichkeiten dazwischen, was mit den Grauabstufungen verglichen wird.

Die Predigt war intensiv vorbereitet und wurde frei gehalten, damit Raum für das sich Ereignende geschaffen wird. Die Atmosphäre und das gemeinsame Erleben des Bildes gestalteten das zu Sagende neu. Das heißt, dass die Hörer, die Gottesdienstbesuchenden sozusagen die Predigt mit erschaffen haben.

Der Einsatz des Fotos hat, so ergab das Predigtnachgespräch, plastisch vor Augen geführt, welche Bedeutung die Farbe Grau haben kann. Und die Übertragung ermöglicht, dass Lebenseinschätzungen und -bewertungen differenziert und vorsichtig vorgenommen werden können.