Ungarn


Was mir während meines 10 monatigen Auslandseinsatz ab Mitte März 2017 für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in Hévíz in Ungarn bei der deutschen evangelischen Gemeinde begegnet ist, möchte ich Ihnen, Euch erzählen.


Eingewöhnt?

Kirche vorne

Die ersten Wochen in einem fremden Land, in Hévíz in Ungarn, sind überstanden. Die neue Arbeit, die Begleitung der Touristen, Residenten und Kurgäste ist aufgenommen. Ich weiß, wo die Post ist und wo sich die wichtigsten Geschäfte befinden, die Grundregeln des Alltags in einem anderen Land sind bei uns angekommen, dass z.B. Zigaretten nur in kleinen staatlichen Läden verkauft werden, dass sich die Menschen hier an Vorschriften halten, z. B. dass die Hunde angeleint Gassi geführt werden. Einer Frau wird bei der Begrüßung durch Handwerker oftmals die Hand nicht gereicht, eine ungarisches „Küss‘ die Hand“ wird gemurmelt; der danebenstehende Ehemann erhält sie wohl. 

Eine Weile, fast 30 Jahre, ist es jetzt schon her, dass die Grenzöffnung gefeiert werden konnte und vieles hat sich getan, auch wenn in machen Winkeln die Straßen noch wie zu DDR-Zeiten aussehen und sich auch so fahren. Renovierte Gebäude und Verfallenes wechseln sich ab. Die deutsche Sprache ist zumindest hier im grenznahen und traditionell mit Deutschen besiedeltem Gebiet allgegenwärtig. In Bad Hévíz trafen sich vor der Wende die ost- und westdeutschen Verwandten, die sonst keine Möglichkeit hatten zueinander zu kommen und machten gemeinsam Urlaub. Ein paar Kilometer weiter, wird der Balaton, einer der größten Binnenseen Europas, im Sommer von deutschen Familien und vielen Wassersportler heimgesucht. 

Und trotz aller Veränderungen in der Zeit nach der Öffnung ist der Stallgeruch des Ostblocks noch nicht abgeschüttelt. Denn, obwohl das Wetter in dieser Gegend Ungarn bis in den Oktober hinein sehr warm, bis 23 Grad, sein kann und zum späten Baden verleitet, werden am Balaton am 20. August die Bürgersteige hochgeklappt und Fressbuden und Kirmesgeräte geschlossen. Dieser Tag ist der Nationalfeiertag, er wird zu Ehren von  König Stephan I. gefeiert, da er als Gründer des christlichen Ungarns angesehen wird. Er gilt als wichtigster Heiliger des Landes.  An diesem Augusttag endeten, wie wir hörten, zu Ostblockzeiten die Schulferien einheitlich und dann war am Balaton Schluss mit der Touristenbelustigung! So wie heute zum großen Teil auch noch. 

Und trotz aller Veränderungen in der Zeit nach der Öffnung ist der Stallgeruch des Ostblocks noch nicht abgeschüttelt. Denn, obwohl das Wetter in dieser Gegend Ungarn bis in den Oktober hinein sehr warm, bis 23 Grad, sein kann und zum späten Baden verleitet, werden am Balaton am 20. August die Bürgersteige hochgeklappt und Fressbuden und Kirmesgeräte geschlossen. Dieser Tag ist der Nationalfeiertag, er wird zu Ehren von  König Stephan I. gefeiert, da er als Gründer des christlichen Ungarns angesehen wird. Er gilt als wichtigster Heiliger des Landes.  An diesem Augusttag endeten, wie wir hörten, zu Ostblockzeiten die Schulferien einheitlich und dann war am Balaton Schluss mit der Touristenbelustigung! So wie heute zum großen Teil auch noch.

Übrigens: Die Ansichtskarten, die ich nach Nummer ziehen und vor den Schaltern Schlange stehen, in einem nach Einlass zugesperrten, kassenähnlichem  Raum, der Post anvertrauten, sind nun schon gute drei Wochen unterwegs und wir sind gespannt, ob sie überhaupt den Weg nach Hause finden.

Auch noch ein Relikt aus früheren Zeiten ist der Abfallkorb auf voranstehendem Bild, der kein Unikat ist.


Umgang mit dem Tod

Dem größte oder zweitgrößten natürlichen Thermalsee der Welt, den man in Hévíz zum Baden besuchen kann und der sich alle paar Tage völlig regeneriert, werden seit alters her Heilkräfte zugeschrieben. Schon die Römer kannten diesen Ort und die Legende erzählt von Flavius Claudius, vermutlich  331 in Konstantinopel geboren und späterer römischer König, soll angeblich, so sagt eine Legende als Kind von einer Amme im See gebadet worden sein, weil er verkrüppelt war, evtl. Kinderlähmung hatte. Er wurde vollständig gesund und übernahm später sein Herrscheramt. Im See kann ganzjährig gebadet werden, im Winter hat er 22 bis 24 Grad, im Sommer mehr als 34 Grad. Die Gegegend in der der er liegt, ist lieblich und klimaverwöhnt, deshalb wächst der Wein dort auch gut.

Wenn ich zu diesem See gehe, der in einer idyllischen Landschaft liegt, den ein türmchenbekröntes Badehaus ziert und in dem man mit wunderschönen tief lila gefärbten Seerosen um die Wette schwimmen kann, erfreut sich meine Seele. Das geht wohl den meisten so, die dieses Stück Natur bewundern dürfen.

Héviz See 2

Die Menschen, die ihn aufsuchen, entsprechen nun eher nicht dem allgemeingültigen Schönheitsideal. Viele ältere Menschen suchen hier Linderung für ihre Skelettbeschwerden oder anderen massiven körperlichen Beeinträchtigungen. Jüngere, die Rheuma oder andere Krankheiten haben sind hier auch zu finden.

Ich habe seit ich hier bin, von einigen Menschen gehört, wie sehr ihnen das Wasser geholfen hat. Seit vielen Jahren nicht zu therapierende Schmerzen, erfuhren deutliche Besserung, sogar Bandscheibenoperationen konnten verhindert werden.

Mich erinnert der Hype um den See an ein altes Bild, es heißt: Der Jungbrunnen ist der Titel eines Gemäldes von Lucas Cranach dem Älteren von 1546. Das Bild stellt ein Bad dar, in dem von der einen Seite gealterte Frauen ins Wasser steigen, das sie auf der anderen Seite verjüngt verlassen. Das Bild  hängt er Gemäldegalerie Berlin.

Der Andrang auf das Seeschwimmbad in Héviz ist enorm, viele Deutsche kommen schon seit Jahren mindestens zweimal auch zur Vorbeugung hierher.

Bevor wir nach Ungarn fuhren, erzählten uns einige Menschen von ihren Hevizerfahrungen und wie gut die Wirkungen des Sees seien. Natürlich, so flüsterten sie, würden auch so einige Menschen übers Jahr im See sterben. Das hörte ich so, aber es hat keine wirkliche Bedeutung, weil ich es sich nicht vorstellen konnte.

Auch in Ungarn, vor Ort, hörten wir, dass es immer wieder auch Todesfälle gäbe. Nun gut, so richtig kommt so etwas nicht an einen ran. Es ist ein öffentliches Bad mit vielen Bademeistern und Aufsichtspersonal.

Gestern über Mittag bin ich zum See gegangen, um zu schwimmen. Eine Drehtür und zwei Seitentüren führen auf den See hinaus. Eine Tür und die Drehtür waren mit rotem Band und Sichtschutzwänden abgesperrt. Die Badewilligen wurden aufgefordert, die letzte Seitentür als Zugang zum See zu benutzen. Als ich aus dieser Tür heraustrat, sah ich durch das Glas der anderen Türen zwei Füße auf einer Plastikfolie aus dem Absperrbereich herausragen. Offensichtlich war das gerade ein Mensch, der im See gestorben ist. Nun musste ich die Wirklichkeit der Gefährdung an mich heranlassen. Der See hat offensichtlich nicht nur heilende sondern auch vernichtende Kräfte, d.h. er kann eine Gefahr für Herz- und Kreislaufpatienten und Nicht-Schwimmer darstellen, er ist zum Teil 34 Meter tief.

Noch erstaunlicher für mich, war der Umgang mit dem Tod. Es war keine Polizei vor Ort, die Tote wurde in einen Seitenbereich transportiert, der auch wieder nur durch einen Sichtschutz abgetrennt war.  Ihr Transport war erst nach dem Badebetrieb vorgesehen. Das ist sehr ungewöhnlich, ich weiß nicht, ob das in Deutschland so möglich wäre. Die Würde der Toten, war sie so gewahrt worden, wie wird mit den Angehörigen verfahren? Das sind Fragen die mich beschäftigen. Auf jeden Fall, so kam es mir vor, gehören Todesfälle zum Alltagsgeschäft, denn „The Show must go on….


Land und Leute

Ein emsiges Treiben ist in den Frühlingstagen in Hévíz wahrzunehmen, Straßen werden ausgebessert, Felder bestellt, Häuser ausgebaut, Gärten gepflegt und Hecken geschnitten.

Die Menschen in Ungarn wirken sehr, sehr fleißig. Die Landbevölkerung ist tagaus, tagein beschäftigt, mit zum Teil einfachen Gerätschaften, den Acker zu bestellen und die Erzeugnisse zu vermarkten. Bei allen spielt der Nutzgarten eine wesentliche Rolle zur Ernährung der Familie. Auch Menschen in Lohn und Brot in diversen Firmen leben von dem, was übers Jahr in ihren Gärten wächst. Die Großmutter, die oft vom Familienunterhalt der Jüngeren mit lebt, verkauft die Produkte auf dem Markt.

Die Pfarrerin der ungarisch-reformierten Gemeinde z. B. verdient umgerechnet: 350€, in Ungarn heißt die Währung Forint. 1€ entspricht ca. 300 Ft. Die Grundnahrungsmittel sind günstig, aber darüber hinaus kann sich dann eine normale Familie nicht viel leisten.

Kirche aussen

Der tägliche Existenzkampf führt aber nicht zu verbissenen und unzufrieden Gesichtern. Viele Menschen sind in Ungarn sehr freundlich und zuvorkommend. Bevor ich die Stelle hier angetreten habe, wurde mir unter der Hand zugeflüstert, dass die Deutschen in diesem Land auch sehr nett seien und mit einem Augenzwinkern versehen, hieß es  weiter, dass das das wohl von den ungarischen Einwohnern abgefärbt hätte. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es ist wohltuend und fühlt sich gut an, von, in der Mehrzahl, freundlichen Menschen umgeben zu sein.

Aus meiner Sicht hat nicht nur die Liebenswürdigkeit abgefärbt, der Fleiß der deutschen Bewohner von Ungarn, steht der ungarischen Bevölkerung in nichts nach. Auch sie halten ihre Häuser akribisch in Stand und pflegen ihre Nutzgärten. Da werden Hühner gehalten und riesige Rankgitter für Kiwi-Pflanzen gebaut.

Ähnlich einladend stellt sich für mich als Pfarrerin nun auch der Gottesdienstbesuch dar, die Kirche ist immer voll. Wo hat man das schon. Einheimische und Touristen, die zum Teil schon über Jahre immer wieder in den deutschen Gottesdienst kommen und sogar Grüße aus der Heimat, sei es Würzburg, Speyer oder Dessau bestellen sollen. Aus voller Kehle werden die Lieder geschmettert und das Amen voll Inbrunst nach jedem Gebet gesprochen. Nach dem Gottesdienst wird Gemeinschaft beim Kirchencafé vor der Kirchentür gepflegt.


„Beim ZDF sitzen Sie immer in der ersten Reihe…."

25 Jahre jung ist die Stadt Hévíz 2017 geworden. Eine Gemeinde mit etwas über 4000 Einwohner hat damals die Stadtrechte verliehen bekommen.

Groß gefeiert wurde das Ganze am 1. Mai. Die Delegationen der Partnerstädte aus Deutschland, Pfungstadt, aus Kroatien und Polen waren gekommen, um an diesem sonnigen Tag mitzufeiern.

Ein Festakt eröffnete das üppige Programm, das open air Popveranstaltungen und Operettendarbietungen für Bewohner und Kurgäste vorhielt. Für Essen und Trinken war in aufgebauten Buden gesorgt: gut ungarisch mit viel Fleisch, warmer Blutwurst, Leberwurst, Entenschenken, Schweinebraten etc.. Alle Sorten von zubereiteten Kartoffeln, sowie das obligatorische Rot- und Sauerkraut waren zu haben.

Spannend war die professionelle Gestaltung des Festaktes auf dem Rathausplatz. Souverän wurde durch die Veranstaltung moderiert, sie begann mit dem inbrunstvollen Ansingen der Nationalhymne. Danach wurden die Geistlichen des Ortes gebeten, Worte und Gebete vorzutragen. Alle waren da: Der ungarisch-lutherische Kollege, die ungarisch-reformierte Kollegin, der römisch-katholische Pfarrer und ich als Vertreterin der deutschen-evangelischen Kirche.

Erstaunlich für mich war, dass wir erstens mit den Honoratioren in der ersten Reihe saßen und zweitens, dass der Segen der Kirchen die Veranstaltung eröffnete und dann erst der Vertreter des Landes und dann der Bürgermeister sprachen. Das bin ich aus Deutschland so nicht mehr gewohnt. Da werden die Geistlichen in die zweite Reihe gesetzt und sie müssen sich mit ihrer Ansprache ziemlich weit unten im Programm einsortieren.

Religion und Religiosität hat in dieser Stadt, ich denke, es ist in vielen Gebieten Ungarns so, einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Mit Ehrerbietung und Achtung begegnet man der Kirche und den Menschen, die sich darin engagieren. Es herrscht ein anderes Klima, Glaube steht nicht am Rand oder wird misstrauisch beäugt, er wird positiv konnotiert.

In Deutschland begegnet mir häufig Unsicherheit und Zurückhaltung, wenn mein Beruf als Pfarrerin bekannt wird, dann heißt es oft: „Das ist nicht so meins!“ Was immer dieser Satz auch heißen mag. Oder es entstehen Diskussionen über Kirchenverfehlungen und Steuermittel. In Ungarn wird gesagt: “Oh, wie schön, dass ist ein wichtiger Dienst!“


Amerika first!?

Mein Schwager und mein Mann beteiligen sich an der von Präsident Donald Trump losgetretenen Debatte: Amerika first, indem sie einen Wettstreit begonnen haben, um zu beweisen, dass es: Germany first, oh Pardon, Deutschland als erstes,  heißen muss. Und so tauschen sie „urdeutsche“ Produkte aus, die die Welt verändert haben.

Dies alles ist nur mit einem Schmunzeln zu verstehen und versucht mit Donald Trumps unangemessenen Tönen, kreativ und gelassen umzugehen. Also gehört hier in den Text eigentlich ein Smiley – damit es wieder deutsch wird?!

Nun ist mir in Ungarn die andere Qualität nationaler Produkte aufgefallen. Der Käse „Trappista“ ist ein Kuhmilcheinheitskäse, wenn man ihn täglich isst, ist er auf die Dauer schon sehr eintönig. Sicher kann man hier auch französischen oder deutschen Käse kaufen, ich wollte aber in diesem Land auch das essen, was man hier produziert. Meine Erkundungen zeigten, dass es vor der Ostblockzeit eine rege Ziegen- und Schafkäseproduktion gab bis es zur einheitlichen Käsegestaltung kam. Heute stellen junge Leute in kleinen Mengen wieder Käse auf dem Land her und verkaufen ihn auf Märkten. Soweit zum Käse.

Das einheimische Toilettenpapier erinnert noch sehr an das DDR-Krepp. Und so ähnelt auch das Küchenpapier  an vergangene Zeiten. Im Buch: In Zeiten des abnehmenden Lichts, wird eine Familie beschrieben, die fest in den kommunistischen Strukturen verwurzelt war und nun erleben musste, wie der Enkel, wie der Sohn im Westen seinen Weg geht. Die ständig kochende russischstämmige Mutter lässt kein gutes Wort am Westen, nur eine Erfindung des Westens findet sie wirklich gut. Und das ist das Küchenpapier!

Darauf stürzte ich mich in die Recherche: Küchenpapier. Wer erfand es, wann und wo? Und siehe, es wurde in Amerika erfunden und in den ersten Zügen in Deutschland produziert.

Der Wettstreit zwischen Amerika und Deutschland findet im Küchenpapier zu einer friedlichen Koproduktion.


Besonderheiten

Außer dem größten Thermalsee der Welt, der Heilwasser - ja, Wunderwasser - enthält, viele Menschen berichteten uns, dass Operationen durch das Baden in ihm auf Dauer verhindert werden konnten, gibt es noch andere Besonderheiten in Hévíz und Umgebung.

Es gibt Geschäfte für den täglichen Bedarf, Kleiderboutiquen, Cafés, keine! Reinigung und eine Fülle an Zahnarztpraxen, hier Zahnklinik genannt. Unglaublich wie viele untadelige Gebisse einem auf Reklametafeln anlachen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es einen Zahnarzttourismus gibt. Etliche Deutsche kommen eine Woche nach Ungarn und in diesem Zeitraum wird das Gebiss repariert und saniert, vor allem Implantate sind der Renner. Innerhalb von 5 Tagen ist eine große Zahnbehandlung garantiert abgeschlossen und sie ist um mindestens 1/3 preisgünstiger als in Deutschland. Die Zufriedenheit mit der Behandlung, dass wissen wir noch aus Deutschland, ist hoch. Denn unser Chorleiter, meine Tenniskollegin und viele andere, rückten damit heraus, dass sie sich ihre Zähne in Ungarn haben machen lassen, als sie erfuhren, dass wir nach Héviz gehen würden.

Damit nicht genug. Zur evangelisch-lutherischen Kirche bekennen sich ca. drei Prozent, zur reformierten (calvinistisch) 16, zur katholischen 52. Die Gemeinde in Héviz gehört zur evangelisch-lutherischen Kirche. Auch kleine Konfessionen können imposante Kirchen besitzen. In Siófok, in der Stadt, in der es den Ballermann vom Balaton gibt, der Reiseführer bezeichnet sie als Sommer-Partyhauptstadt, steht eine solche. Sie wurde in großen Teilen von der finnischen Partnergemeinde bezahlt, die in den 90er Jahren nicht mitansehen konnten, dass die Schwestergemeinde in Siófok keinen Kirchenraum hatte. Die Liturgie, was die Finnen bis heute bemängeln, ist kein lutherische, so wie wir sie auch das Deutschland kennen, sie entspricht eher einer reformierten. Das ist verwunderlich und wird vom Kirchenvorstand mit der Dominanz des Katholizismus begründet, d.h. eine traditionell lutherische Liturgie würde der katholischen zu sehr gleichen.


Ungarisches Essen

Ungarisches Essen ist anders. Aber wie anders? Das zu beschreiben fällt mir nicht leicht. Einmal kommt es in der Regel nicht so heiß auf den Tisch wie in Deutschland, etwas wärmer als lauwarm, gewöhnt war ich dies bisher nur aus südlichen Ländern wie Griechenland. Dann ist es eine andere Zusammenstellung von Beilagen mit Fleisch oder Fisch und andres mehr auf dem Teller.

Bei Gesellschaften oder Familienfeiern gibt es große, überbordend gefüllte Teller, auf denen sich Pommes frites, Kartoffeln, Kroketten, Reis befinden, darüber türmt sich Geflügel-, Schweine- und Rindfleisch und die obligatorische Entenkeule mit Rotkraut, die es in diesem Teil von Ungarn immer und überall gibt. Das alles befindet sich auf einem Teller. Sich von diesem großen Teller zu nehmen, z.B. ein Stück von der Keule abzutrennen und nach den Kroketten zu angeln, das macht eine Tischrunde sehr kommunikativ.  Unwillkürlich werde ich an Mecki im Schlaraffenland erinnert, dem alle möglichen Speisen in den Mund flogen.

Beim letzten Restaurantbesuch stand als Tagesgericht Fischsuppe auf dem Reiter vor dem Gasthaus. Alle Erinnerungen an leckere mediterrane Fischsuppe belebten meine Geschmacksnerven. Ich bestellte also Fischsuppe. Sie sah recht dunkel aus. Ich rührte sie um und probierte, ein leichter Schlammgeschmack, es war nicht alleine der Anblick gewesen, der den Geschmack herbeiführte, offenbarte mir, die Zutaten, nämlich Karpfen und evtl. andere Flussfische. Eigentlich hätte ich mir das denken können, Ungarn liegt nicht am Meer, die „eterem“, die Restaurants, die wir besuchen sind Familienbetriebe und sie kochen in ihren Küchen regional. Eine solche Fischsuppe hatte ich noch nicht gegessen, sie war für mich gewöhnungsbedürftig. Als ich anderen Deutschen davon erzählte, mussten diese schallend lachen, fast allen war es schon so ergangen wie mir. Der Rat hieß: Hier nie Fischsuppe!


Gelobtes Land?

Den Kindern Israel hatte Gott im Alten Testament ein eigenes Land versprochen, das sie und ihre Tiere ernähren würde. In unseren Sprachgebrauch ist der Begriff dafür, nämlich:  „gelobtes Land“ eingewandert.

Für wen ist welches Land das ersehnte, gelobte Land? Eine junge Familie in unserem Haus stammt aus der Ukraine. Sie leben in Ungarn, weil es hier für sie Arbeit gibt, und einer von ihnen etwas Ungarisch spricht. Er holt russische Gäste von Flughafen ab und bringt sie in ihre Hotels. Sie arbeitet in einem Hotel im Wellness Bereich. Ihr Kind hat einen Ganztagskindergartenplatz. Für diese jungen Menschen ist Hévíz das gelobte Land.

Ein ganz anderes Szenario: Sie ist Ungarin spricht Deutsch und arbeitet als Gästebetreuerin in einem Hotel. Er, auch Ungar, arbeitet bei der Bank. Beide haben wir kennengelernt, weil sie den Multimediaabend in der Kirche über der Jakobsweg besuchten. Ihr zweites Ziel ist es, die große Wanderung nach Santiago de Compostela zu machen, ihr erstes Ziel ist es, nach Österreich und dann nach Deutschland auszuwandern, denn dort gibt mehr mögliche Arbeitsplätze, die besser bezahlt werden. Sie möchte eine gesicherte Zukunft für sich.

Und dann gibt es da die Lehrerin in Deutschland, die genug vom Stress hat und etwas für sich tun will, sie liebäugelt mit dem Gedanken nach Hévíz zu ziehen. Die Überlegungen sind schon recht konkret, Häuser wurden angeschaut etc..

Gelobstes Land!? Für die beschriebenen Menschen bedeuten unterschiedliche Länder das Paradies.

Das gelobte Land ist ein Synonym für das, was für den einzelnen Menschen das Gewünschte, das Richtige ist, und das kann offensichtlich bei jedem ganz anders sein.


Verständigung

Ein großes Thema ist die Verständigung. Denn die Sprache ist eine sehr schwierige. Sie ist in gewisser Weise einzigartig und kaum ableitbar. Einige, die sich schon seit 40 Jahre bemühen, die ungarische Sprache zu erlernen, halten sich immer noch für Anfänger. Sie ist in der Tat eine große Herausforderung. Das führt zu dem  spannenden Phänomen: Einige, die Sprachkurse gemacht haben und das Ungarisch erlernen, achten bei jedem Wort panisch darauf, dass der andere es auf jeden Fall richtig ausspricht, auch, wenn er des Ungarischen gar nicht mächtig ist.  In der ungarischen Schreibschrift wimmelt es an Akzenten, kaum überblickbar für Sprachunkundige – dem,  der sich nur etwas mit der Sprache beschäftigt hat, so kommt es mir vor, sind sie heilig.

Ungarisch lernende Deutsche in Hévíz sind ein für mich wie ein vermintes Gebiet  Bitte absperren! Sie erwarten zu viel vom Sprachunkundigen.

Hingegen begegnen mir viele Ungarn, die mit Gelassenheit ertragen, was ihnen da

an ungarischen Worten genannt wird und freundlich mit rätseln, was es wohl heißen soll- uns sie antworten sowieso lieber auf Deutsch, weil sie es besser beherrschen.

Suri

Außer den gut deutsch sprechenden Menschen, gibt es viele angelernte Kräfte, wie z. B. im Service oder bei Kuranwendungen. In ihrer Ausbildung wurde nur das deutsche Vokabular, was für den jeweiligen Einsatz bei der Arbeit benötigt wird, trainiert. Das fällt in der Regel nicht weiter auf - allerdings wurde unsere Hündin Suri zuletzt von einer ungarischen Frau, die im Restaurantservice arbeitet, für einen Tag betreut und gehütet. Sie sprach mit Suri. Anstelle von „sitz“ sagte sie zu ihr: „Bitte nehmen Sie Platz, Frau Suri“ - und was glauben Sie, geschah? Unsere Suri, sonst wenig beflissen Befehlen nachzukommen, setzte sich brav auf ihren Hintern.

Das lehrt mich: Miteinander sprechen, sich verständigen, das geht doch, wenn man nur will, von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Tier.


100 Tage: Kurgäste- und Tourismusgemeinde Hévíz

Politiker werden nach 100 Tagen gefragt, was sie bisher bewirkt haben und wie die Zusammenarbeit im neuen Amt klappt. Ein erstes Resümee wird gezogen. Warum sollen das nicht auch die Pfarrerin und ihr Mann tun? Denn Ende Juni erreichten wir mit unserem Aufenthalt in Hévíz dieses, übertrieben ausgedrückt, magische Datum.

Ein neues Pfarrerehepaar und eine Gemeinde mit gewachsenen Strukturen, da  treffen zuerst einmal unterschiedliche Erwartungen und Befürchtungen aufeinander. Man muss sich aneinander gewöhnen. Das kann durch verschiedenen Herangehensweisen geschehen. Man kann sagen, jetzt muss sich die Gemeinde schon wieder an eine neue Pfarrerin gewöhnen oder man kann sich sagen, dass es schön ist, dass jemand kommt. Man kann sich vornehmen, hinzuschauen, was er oder sie anders macht. Diese offene Haltung aufzubringen, war für manche nicht ganz leicht. Doch wie es im Leben so ist, man gewöhnt sich aneinander.

Antoine de Saint-Exupéry erzählt wie der kleine Prinz und der Fuchs sich aneinander annähern. Sie begegnen sich und sie sind sich noch fremd. „Komm und spiel mit mir", schlug ihm der kleine Prinz vor. „Ich bin so traurig ..." „Ich kann nicht mit dir spielen", sagte der Fuchs. „Ich bin noch nicht gezähmt!" „Ah, Verzeihung!" sagte der kleine Prinz. Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu: „Was bedeutet das: Zähmen?" „Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache", sagte der Fuchs. „Es bedeutet: Sich vertraut machen“. „Vertraut machen?" fragte der kleine Prinz. „Gewiss", sagte der Fuchs. „Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt …"

Es ist nicht leicht, sich aneinander zu gewöhnen, das zeigt die Geschichte, es ist aber der Mühe wert, denn nur mit Zeit, Respekt und Verstehenwollen kann man sich einander nähern. Ich meine, dass wir in Hévíz unseren Anfang auf diese Weise gestaltet haben, dass wir gefragt haben: „Was meint der andere, was will er?“.

Das gemeindliche Binnenklima ist manchmal etwas ängstlich und wenig mutig. Da wünsche ich mir, dass wir als Christen Herausforderungen annehmen und mutig vorwärts gehen ohne Scheu vor Veränderungen. Niemand hat das Recht, uns Angst einzujagen. Daran können wir noch arbeiten. Aber wir haben schon erfahren und gelernt, dass wir hier in Hévíz jemand sind, den man ernst nimmt, den man zum Partner haben will. Die Kontakte zur Stadt, den Konfessionen und anderen Institutionen sind sehr gut. Auch neue überraschende und hilfreiche Netzwerke wurden erschlossen, da gibt es die eine, die Kontakte zu den Geschäften hat, da gibt es die andere, die uns zur Presse vermittelt, da gibt es den anderen, der sich im Bereich des Balaton hervorragende auskennt und uns hilft.

Es ist schön in Hévíz, es macht Freude, in gutbesuchten Gottesdiensten zu predigen. Das Feed-Back ist liebenswert und sehr wertschätzend. Da gibt es viele, den Gemeindegliedern altbekannte, Gesichter, die seit Jahren während ihres Urlaubs in den Gottesdienst kommen und da gibt es neue Gesichter von Menschen, die nach Hévíz und Umgebung gezogen sind bzw. vorhaben an diesen Ort umzusiedeln und die nach Gemeinschaft suchen. Die Mitarbeitenden ziehen an einem Strang, die gemeinsame Arbeit bereitet allen Freude und es macht Spaß zusammen - es ist gut hier zu sein. Vielleicht gibt es noch einige, die Lust haben in diesem fröhlichen Team mitzuarbeiten? Wir würden uns freuen!

Miteinander lernen wir, die Gemeinde weiterzuentwickeln mithilfe des Geistes, der uns voran bringen will. Wir hoffen und arbeiten daran, noch mehr interessierte Menschen zu erreichen und ein Stück Leben mit ihren Freuden, Sorgen und Nöten zu teilen. Es aber geht nicht um ein blindes Voranschreiten, es geht um mehr, es geht darum, das, was wir erfahren und erleben, durch unseren Glauben einzuordnen und zu verstehen. Dann reift aus der Erfahrung die Erkenntnis, die uns den Weg in die Zukunft weist. Besonnen und doch mutig, einhaltend und auch vorwärtsstrebend, nachdenklich und spontan, fromm und aufgeschlossen - der gute Weg miteinander liegt nicht im entweder - oder, sondern im sowohl - als auch. Klar gibt es auch Grenzen, da endet das sowohl - als auch, aber auch diese müssen im Miteinander gefunden und gesetzt werden. 

Uwe und ich erlauben uns, mit diesen Überlegungen einen mutigen und hoffungsvollen Blick nach vorne, in eine erfreuliche gemeinsame gottbehütete Zukunft zu wagen!   


Innovatives

Dass in Ungarn Spargel und Erdbeeren angepflanzt werden und dass es im Sommer sehr, sehr heiß werden kann, ist Vielen in Deutschland nicht bekannt. Ein Verwandter von mir, schrieb mir, dass er den ersten Schwetzinger Spargel schon im April gekauft hätte und dass wir Spargel in Ungarn wohl nicht kaufen könnten. Das war ein Irrtum. In Ungarn gibt es beides: Spargel und Erdbeeren. Nun ist die Spargelzeit sowohl in Deutschland als auch in Ungarn vorbei.

Sprühnebel

Der Sommer zieht übers Land und beschert uns in Ungarn Temperaturen von 38 Grad, die aber im weiteren Verlauf dieser Jahreszeit auf 45 Grad steigen können.

Innovativ sind deshalb Kühlungsbögen, die kaltes Wasser vernebeln und für Abkühlung und Spaß an einigen Stellen im Ort sorgen. Im immer heißen Spanien habe ich einen solchen Touristenspaß noch nicht entdeckt.

An Innovativem gibt es noch zu vermelden: die intelligenten Steckdosen. Wenn ich einen Stecker in die Steckdose stecke, um den Staubsauger in Betrieb zu nehmen und ich nach kurzer Zeit diesen entfernen will, um eine andere Steckdose aufzusuchen, gelingt das problemlos ohne große Kraftanstrengung und unangenehmem Ziehen an der Schnur. In dem Augenblick, indem der Stecker in die Steckdose kommt, geht ein flexibler Teil der Halterung mit und schubst beim Lösen des Steckers diesen heraus - genial!


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