Botschaften ohne Worte

Es ist alles eine Frage des Stils oder gerade nicht!

Stil steht im Verdacht, eine elitäre Kategorie zu sein. Und wer auf Stil achtet, konzentriert sich auf Äußerlichkeiten. Die Substanz, der Inhalt oder Fähigkeiten scheinen weniger gefragt zu sein. Das stimmt insofern nicht, als Stil ein Kommunikationsmittel ist.

Als ich meinem Schwager – Professor für Elekrotechnik – erzählte, dass ich einen Artikel über Stil schreiben würde, wies er auf den Stiel seines Wischmops und fragte lächelnd, was es darüber wohl zu schreiben gäbe? Dass er mit dieser Äußerung gar nicht so weit weg vom Thema war, zeigt die etymologische Untersuchung des Begriffs: Das seit dem 15. Jahrhundert belegte Substantiv „Stil“ geht auf „spitzer Pfahl“, „Stiel“, „Stengel“ oder „Schreibgerät“ zurück, in übertragener Bedeutung wird es als Schreibart oder Ausdrucksform verstanden.

Die normative Herangehensweise an den Begriff Stil kann sich auf eine große Tradition berufen. In der Antike war die Stilistik zunächst ein Teil der Rhetorik, sie umfasste die „elocutio“, jenen Teil der Rede, in dem die Gedanken formuliert wurden, bevor der Redner sie sich ins Gedächtnis einprägte („memoria“).

Ein wertender und aus der Geschichte der Antike verständlicher Gebrauch des Stilbegriffs findet sich häufig im Alltag. Es wird von „gutem Stil“ und „schlechtem Stil“ gesprochen. Manchmal wird im sprachlichen Ausdruck sogar „guter Stil“ mit „Stil“ überhaupt gleichgesetzt, indem gesagt wird: „Er/sie hat Stil.“

Die alltagssprachliche Verwendung des Stilbegriffs unterscheidet sich deutlich von der wissenschaftlichen. Und: Eine normative Verwendung des Begriffes muss von der deskriptiven unterschieden werden.

Semiotische Stildefinition

Der Frage nach einer allgemeinen Stilistik widmet sich der Sprach- und Kulturwissenschaftler Martin Siefkes. Er will eine solche um der allgemeinen Sprachfähigkeit willen begründen, ohne Einzeldisziplinen wie etwa Literatur-, Architektur- oder Kunstwissenschaft mit ihren jeweiligen Stilforschungen und -perspektiven etwas zu nehmen.

Diese allgemeine Stilistik wird die Aufgabe der Stilforschung in den Einzeldisziplinen (Sprachstil, musikalischer Stil und so weiter) nicht verdrängen. Sie klärt jedoch die gemeinsamen Grundlagen und dient der Sprachfähigkeit fächergreifender Fragestellungen, sie befindet sich auf einer anderen Beschreibungsebene.

Die notwendige Terminologie bietet die Semiotik als Wissenschaft von Zeichenprozessen. Siefkes’ Definition in aller Kürze lautet: „Als ‘Stil’ wird eine Menge von erkennbaren Regelmäßigkeiten bei der Ausführung eines Schemas bezeichnet, die nicht auf Kontext, Funktion oder Inhalt zurückzuführen sind.“

Situationen werden unter anderem durch Bedingungen, durch den Kontext definiert. Siefkes nutzt das Bild vom Autofahren: Wie jemand Auto fährt, wird bedingt durch Unterschiede der Strecke, des Wetters oder des Verkehrs. Fahre ich beispielsweise langsamer als jemand anderes, weil ich im Regen fahre oder weil ich eine andere, schlechtere Straße benutze, ist dies kein stilistischer Unterschied; fahre ich jedoch bei gleichen Bedingungen langsamer als jemand anderes, kann man dies dem Stil zurechnen.

Von Stil wird bei Produkten die Funktion, bei Texten der Inhalt und bei Handlungen das Ziel oder der Zweck unterschieden. Der Stil betrifft die beschreibbaren Regelmäßigkeiten, die nicht durch diese Bereiche abgedeckt sind.

Ist es sinnvoll, über Stil nachzudenken, gibt es einen Nutzen?

Wer sich im Bereich von Stilen auskennt, eine hohe individuelle Stilkompetenz besitzt, hat den persönlichen Vorteil, einen jeweiligen Stil als zusätzliche Informationsquelle nutzen zu können. Aber was hat die Gesellschaft von Stil? Ist Stil für sie am Ende mehr Nachteil als Vorteil?

Nach Siefkes steht Stil im Verdacht, eine elitäre Kategorie zu sein. Wer auf Stil achtet, konzentriert sich auf Äußerlichkeiten. Die Substanz, der Inhalt oder Fähigkeiten scheinen weniger gefragt zu sein.

Das stimmt insofern nicht, als Stil ein Kommunikationsmittel ist. So hat er etwa gesellschaftlich die Funktion, die Zugehörigkeit zu jenen anzuzeigen, zu denen jemand gehören und gezählt werden will. Wer den Stil einer bestimmten Gruppe zu dem seinen macht, den Stil einer Institution, Schicht, Subkultur und so weiter, wird als Insider dieser Gruppe angesehen.

Gleichermaßen dient Stil damit auch der gezielten Abgrenzung gegenüber anderen. „Je vielfältiger und pluralistischer eine Gesellschaft ist, desto wichtiger werden Stile, mit denen der/die Einzelne den allgemein verbreiteten Verhaltensweisen einen persönlichen Stempel aufprägen kann, ohne sich ganz zu verweigern; schließlich geht es bei Stil darum, dasselbe auf andere Art zu tun.“ [Zitat!!!]

Stil vermittelt daher auch dort, wo er abweicht, eine grundlegende Botschaft: die Bereitschaft zum Mitmachen. Mit Stilen kann man in einem akzeptierten Rahmen seine persönlichen Interessen und so weiter kommunizieren, seine individuellen Ansichten ausdrücken.

Dass sich aufgrund der Globalisierung Lebensstile angleichen werden, ist nicht zu erwarten. Wahrscheinlicher scheint, dass Stile als individuelle Abgrenzungsmöglichkeiten an Relevanz sogar zunehmen werden.

Im gesellschaftlichen Kontext ist Stil ein dynamischer Faktor, der gerade in Umbruchzeiten wichtig sein kann. Angehörige einer Gruppe, die etwas dauerhaft anders machen wollen (sei dies politisch, künstlerisch, technisch, in privaten Beziehungen oder im Lebensstil insgesamt), können einen neuen Stil entwickeln, der ihre Einstellungen ausdrückt und von anderen vernommen werden kann. Stil wird als gesellschaftliche Kommunikationsmöglichkeit verstanden, die Veränderung, Zugehörigkeit und Abgrenzung symbolisiert.

Stil als Verstehens- und Einordnungskategorie

Eine an den Kommunikationswissenschaften orientierte kulturelle Stilforschung ermöglicht es, kulturelle Komplexität so zu reduzieren, dass sie einerseits sichtbar bleibt und andererseits operationalisierbar ist. Drei Beispiele verdeutlichen das:

  • Man spricht vom englischen Stil, englischer Lebensart, sagt: „Typisch englisch.“ Dass es das gibt, werden wenige bezweifeln. Es ist eine Beschreibung der Art und Weise, wie englischer Lebensstil wahrgenommen wird, der sich vom deutschen zum Beispiel beim Frühstücken, beim Humor und in der Kleidung unterscheidet. Gleichzeitig wird man keinem Engländer die Eigenständigkeit seines Handelns außerhalb dieser allgemeinen Beschreibung absprechen.
  • Man spricht von historischen, sozialen, situationsbezogenen und funktionsbezogenen Stilen, wenn es darum geht, eine Vielzahl eigenständiger und durchaus unterschiedlicher Äußerungsformen zu Orientierungszwecken unter einen gemeinsamen Begriff zu bringen. Kulturelle Stilmerkmale sind Bestandteile des kulturellen Gedächtnisses, sie prägen die Wahrnehmung der jeweiligen Mitglieder einer Gemeinschaft.
  • Stil kunsthistorisch betrachtet ist das überformende Prinzip. Charakteristische Merkmale einer ganzen Epoche und der Werke eines einzelnen Künstlers werden damit bezeichnet. Auch in diesem Bereich dient der Stil zur Erkennung von Zugehörigkeit und zur Abgrenzung. Er ist ein Hilfsmittel zur Einordnung und Systematisierung der Vielfalt von Kunst. Er bezeichnet Übereinstimmendes, das sich von anderem unterscheidet.

Im Vordergrund der historischen Diskussion um den künstlerischen Stilbegriff steht der Prozess der Erzeugung, verbunden mit der Frage, wie das Sosein eines Erzeugnisses zustande kommt. Besonders in der Bildenden Kunst wird dieses Sosein als das Produkt der „schöpferischen Subjektivität“ des Künstlers verstanden, und Stil als Ausdruck des „Gesetzmäßigen“.

Eine Trennung von Stil und Subjekt, als Trennung des Wie von dem Was eines Werkes, ist nicht möglich. Abgesehen davon, dass sich Inhalt und Form nicht unbedingt voneinander abgrenzen lassen, können stilistische Merkmale auch nicht auf die Form alleine beschränkt werden: Stil umfasst gewisse charakteristische Züge sowohl dessen, was gesagt wird, als auch der Art, wie es gesagt wird.

Goethe teilte 1788 die Bildende Kunst und die Arbeit des Künstlers in drei Grade ein: die „einfache Nachahmung der Natur“, die „Manier“ und den „Stil“. Manier zeigt sich bei ihm als eine Etappe auf dem Weg, den die Kunst eines Künstlers von der einfachen Nachahmung zum Stil geht.

Aus psychologischer Sicht kann man Stil als die Signatur der Persönlichkeit verstehen. In unserer Kultur ist Individualität ein hoher Wert. Um als Person unverwechselbar, einzigartig und vielleicht sogar originell zu sein, müssen wir unsere Identität konstruieren.

Dabei bedienen wir uns eines reichen Repertoires an Stilen und Stilelementen. Menschen entwickeln ihren Stil, der ihre Werte und Einstellungen verrät.

Stil wird so die einen ganzen Menschen umfassende Form des Selbstausdrucks, die Art, „wie man sich gibt“. Stil ist die Summe von Sprechweise, Auftreten, Umgangsformen, von Kleidung und Accessoires, aber auch von Geschmacksvorlieben und Konsumgewohnheiten.

Der Stil eines Menschen ist das Destillat seiner sichtbaren Lebensführung. Und der Stil ist eine Absichtserklärung: Das bin ich, das ist meine Lebensphilosophie. Als persönliche Inszenierung durchzieht Stil die Alltagswelt, wie Familie, Arbeit, Freizeit und so weiter.

Die Art und Weise, wie ein Mensch sich darstellt, korrespondiert mit den Inhalten, die sein Leben bestimmen. Stil kann als das dynamische Gestaltungs- und Darstellungsmittel der Themen und Inhalte verstanden werden, die einen Menschen bewegen. Lässt sich daher auch die Frage nach einem theologischen Verständnis von Stil stellen?

Stil – eine theologische Kategorie?

Nach dem bisher Gesagten kann der Stil eines Menschen als Verwirklichung seiner Einzigartigkeit verstanden werden. Und aus schöpfungstheologischer Sicht wird jeder Mensch von Gott in seiner Einzigartigkeit erschaffen.
Der Mensch ist unendlich wertvoll, weil Gott ihn gewollt hat. Er ist in eine Gemeinschaft gestellt, die Gemeinschaft der Kinder Gottes; das verbindet die Menschen untereinander. Persönliche Individualität, ihre Darstellung, der Stil einerseits und der Bezug zum anderem andererseits, der den gleichen Wert und die gleichen Rechte auf Verwirklichung der eigenen Haltungen hat, sind wesentliche Lebenspole.

Man kann die Frage stellen, ob es so etwas wie einen christlichen Stil geben kann, der die Christen ausweist, der eventuell auch abgrenzt von Nicht-Christen und Verbindung untereinander zeigt. Diese Frage kann man aus pneumatologischer Sicht stellen.

Der Heilige Geist verbindet und grenzt ab. Ob er am Werk ist, ist an seinen Wirkungen zu erkennen. „Nicht erwartbare, nicht voraussehbare emergente Prozesse, Unterbrechungen der Lebensvollzüge und der Routine, individuelle und kollektive Situationen der Schwebe sind zunächst die Bereiche der Erfahrung des Geistwirkens.“ (Welker, 101) [Zitat!]

Der christliche Inhalt/Hintergund kann in unterschiedlichen Formen oder Stilen gelebt werden. Die Betonung der Individualität des Menschen durch die Gottesebenbildlichkeit unterstützt die spezielle Ausdrucksform eines jeden Menschen. Die Art und Weise, wie christliche Werte ausgelebt werden, verbindet nicht unbedingt. Verschiedene Formen des Verständnisses der christlichen Botschaft führen zu unterschiedlichen Weisen der Glaubenspraxis:

  • Ein eher fundamentalistisches Verständnis der Bibel führt zu einem konservativen Lebenstil vieler Anhänger, ein Beispiel ist das Rollenverständnis der Frau.
  • Befreiungstheologisch ausgerichtete Christen werden kaum einen kolonialen Stil anlegen.
  • Der derzeitige Papst Franziskus lässt sich nicht kategorisieren. Haltungsmäßig steht er auf der Seite der Armen und versucht, seine eigenen Auftritte von Bescheidenheit und Einfachheit zu prägen, was gleichzeitig einem konservativem Verstehen der biblischen Botschaft in seiner Person nicht widerspricht.
  • Einen auf den ersten Blick wiedererkennbaren christlichen Stil pflegen die Diakonissen. Es ist eine Lebensgemeinschaft mit gemeinsamen Regeln und Zielen, allein durch ihre Tracht sind sie für andere als Schwestern zu erkennen.

Die prägende Kraft des Christentums, der im gemeinsame Zeichenvorrat ausdrückt, ist m. E. vor allem am Menschenbild festzumachen. Der Grundsatzartikel von der Würde des Menschen ist auf das Christentum zurückzuführen.