Altern (9)

Alter und Gesundheit

Worüber reden alte Menschen: über Krankheiten. Das ist ein gängiges Vorurteil, das leider oft stimmt. Im Alter nimmt die Krankheitshäufigkeit zu. Deswegen sind einige grundsätzliche Worte zum Thema Krankheit notwendig. Die Betonung der Gesundheit ist ein neuzeitliches Phänomen. Sinnvolles Leben ist auch trotz oder angesichts von Krankheit möglich.

Krankheit scheint in unserer Gesellschaft ein reparierbares Übel geworden zu sein. Manche Menschen betrachten ihre Krankheit als Betriebsstörung. Sie muss möglichst rasch behoben werden. Es ist aber so, dass wenn ein Teil eines Menschen krank ist, der ganze Mensch mehr oder weniger krank. Krankheit bedeutet: im Leben eines Menschen ist Einhalt geboten – der normale Lebensvollzug ist ausgesetzt.

Wenn ein Mensch sich in seiner Ganzheit Ernst nimmt, wird er nach dem Sinn der Krankheit fragen. Denn Krankheit ist ein Teil des Lebens. Wenn ich krank werde, erfahre ich meine Zerbrechlichkeit und meine Vergänglichkeit. Ich merke, das Krank-sein, dass Krankheit ein Teil von mir ist. Genauso wie Gesundsein. Das haben wir vielleicht durch den Fortschritt der Medizin oft vergessen. Der Mensch des Alten Testaments kannte diesen Zusammenhang, weil das hebräische Wort für Krankheit seine Wurzel mit dem Wort „gewöhnlich“ teilt. Also Krankheit war für den Menschen des Alten Testaments das Normale, das Gewöhnliche. Kranksein gehört zum Menschen.

Es kann es sinnvoll sein, das Gespräch mit der Krankheit zu suchen. Die Krankheit kann z. B. mitteilen, dass der Sinn des Lebens vorübergehend verloren gegangen ist oder dass ich mich in Alltäglichkeiten aufreibe oder dass ich die Dimension des Glaubens vernachlässigt habe. Durch den Dialog mit meiner Krankheit, kann ich mich mit ihr aussöhnen und gleichzeitig mein Leben neu sehen lernen: als kostbares, einmaliges Geschenk. Jeden Augenblick als Geschenk Gottes annehmen, fällt mir dann leichter.

Sehe ich meine Krankheit so an, kann ich sie annehmen und ihr nachspüren und das Gespräch mit ihr eröffnen, um die Bedeutung der Krankheit zu verstehen uns sie mit ins Leben hinein zunehmen – denn da gehört sie hin.