Altern (5)

Biologisch – medizinische Interpretationen von Alter

Nach den Befunden vieler neuerer Untersuchungen sind die Fähigkeiten älterer Menschen, neue Kompetenzen zu erwerben, größer, als allgemein angenommen wird. Auch im biologisch-medizinischen Bereich zeichnen sich heute Veränderungen in der Bewertung von Alterungsprozessen ab. Die feststellbaren Veränderungen werden nicht mehr notwendigerweise als Abbauprozesse interpretiert.

Der verstorbene Bonner Neurophysiologe Detlef Linke, der sich als Mitglied der Nationalen Akademie für Ethik und Medizin vor allem um die ethische Dimension der Medizin bemühte, plädierte für eine positive Interpretation der Veränderungen, die sich im Alter abzeichnen und in bildgebenden Verfahren im Gehirn sichtbar zu machen sind.. „Dennoch meinen wir, dass die biologischen Daten zum Alterungsprozess nicht negativ gewertet werden müssen, sondern durch Beziehung weiterer Perspektiven einen positiv ausgerichteten Vorgang erkennen lassen, den wir als Fokussierung bezeichnen möchten“ (D. B. Linke, In Würde altern, Gütersloh 1991, 27, ). Diese Veränderungen stellen einen positiven Vorgang im Sinne einer Fokussierung auf den wesentlichen Kern und die wichtigsten Aspekte einer Persönlichkeit dar. Das Vergessen ist in diesem Sinne nicht gleich negativ zu bewerten, es dient der Vereinheitlichung der Persönlichkeitsmerkmale. Es ist als wenn die Summe eines Lebens gezogen wird.

Alterungsvorgänge werden demnach als Zuspitzung auf den Wesenskern verstanden. Es geht nun nicht mehr um die Abrufbarkeit einer Fülle von Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern um eine Bündelung der der Person eigen gewordenen Möglichkeiten.

Die neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, das Altern nicht automatisch mit Verlust von Gehirnzellen einhergeht. Die Menschen sind mit einem Überfluss an Verbindungsbahnen im Gehirn ausgestattet.. Die Verschaltungen sind entscheidend und die haben direkt mit unserem Leben, unserer Lebensführung zu tun. Je mehr wir uns fordern und neuen Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen aussetzen, je stärker bleiben beziehungsweise werden diese. Das Leben ist wie eine Reise, die in diesem Leben erst mit dem Tod endet.