Altern (15)

Die Anfechtung, die für den Frommen der Verlust des Besitzes, Krankheit und früher Tod bedeutet, spiegelt sich im Hiobbuch. Es handelt sich nicht nur um den Verlust von Gütern, sondern dahinter stand das Verständnis, dass sich die Gottesbeziehung im Wohlergehen eines Menschen zeigt. Z. B. galt ein hohes Lebensalter als Gnade Gottes, sozusagen als Erweis einer guten Gottesbeziehung und der Beweis der Frömmigkeit. Der fromme Hiob macht leidvolle Verlusterfahrungen und zweifelt an Gott. Wenn man fromm ist, dann ist man auch reich und gesund, so dachte Hiob und die Menschen seiner Zeit. Aber er muss erkennen, dass diese Gleichung nicht aufgeht. Gottes Handeln ist für uns Menschen unbegreiflich, so lautet sein Fazit.

Je älter der Mensch wird, desto näher kommt der Tod. Sterben bedeutet in großen Teilen des Alten Testaments das Ende der Gottesbeziehung. „Denn nicht lobt dich die Unterwelt, der Tod preist dich nicht; die zur Grube hinunterfahren, harren nicht auf deine Treue.“ (Jes 38,18) Die nahe liegende Folgerung in dieser Gedankenwelt heißt: Das Alter bringt die Menschen aus der Nähe zu Gott in die Gottesferne. So wird die eigene Vergänglichkeit, die sich im Alter in besonderer Weise abzeichnet, zwar als unausweichliches Schicksal des Menschen angenommen, gleichwohl aber zutiefst beklagt – bedeutet das Sterben doch das Verlassensein von Gott.

Eine Beziehung zu Gott nach dem Tod ist in den frühen Büchern des Alten Testaments nicht im Blick. Immer wieder beten Menschen darum, auch im Alter, im Angesicht des Todes nicht von Gott verlassen zu werden (Ps 71,17f). Erst mit dem Aufkommen eschatologischer Hoffnung (Dan 12, Weish 4,7-11) wird die Bewertung des Menschen nach seinem Lebensalter relativiert, und die Beziehung zu Gott als Kontinuum des Menschseins gewinnt an Bedeutung. Entscheidend ist nicht das Alter eines Menschen, sondern die Beziehung, die er zu Gott hat.

Die Hoffnung auf ihn reicht in der Spätzeit schließlich über den Tod hinaus. Der Glaube, dass die Beziehung zu Gott über den Tod hinaus weiter besteht, dass er seine bleibende Zusage an den Menschen nicht schuldig bleiben wird, dokumentiert sich z. B. in Jes 46,4: „Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.“